Leseprobe zu: Scavengers- Das Erbe der Drachentochter

Skyra wurde vom Fieber geschüttelt. Scheussliche Bilder treiben in ihrem wirren Geist umher, wie Gespenster, die ein Höllensturm durch ihre Gedanken jagte. Das Kind wand sich in Krämpfen und die Laken ihres Bettes waren nass und durchgeschwitzt. Heisser Atem kam stoßweise über ihre Lippen. Die Haut glühte und Schweissperlen glänzten auf ihrem Gesicht. Krämpfe quälten ihren jungen Körper, der diese Tortur nichtmehr lange ertragen würde und noch immer drängten die Monster heran, stürmten aus dem Dunkel auf sie ein. Sie vernahm ihr Fauchen und ihr Zischen. Die Masse ihrer Körper, die sich heranschoben wie eine schwarze Flut. Skyra fühlte scharfe Krallen, die über ihren Rücken kratzten, spürte spitze Zähne, die sich in ihre Arme und Beine verbissen und nach ihrer Kehle schnappten.

Mit einem Schrei fuhr sie hoch und die Bilder verblassten. Die Ungeheuer zerfielen und gerannen zu den vertrauten Formen und Konturen ihrer Kabine, auf dem Schiff ihres Vaters.
Zuna, die große Oponi war bei Skyra und hielt ihre Hand. Sanft tupfte sie die Stirn des Mädchens, mit einem feuchten Tuch und lächelte beruhigend. Die auffälligen Eckzähne der Oponi glitzerten im Halbdunkel und hätten wohl jedem, der den Umgang mit den großen Wesen von der Welt Ophyr nicht gewöhnt war, in Furcht versetzt, aber Skyra hatte keine Angst. Zuna war ihre Freundin und Skyra so vertraut, wie die Mutter, die sie nie gehabt hatte.
„Du bist zurück meine Kleine“, hauchte Zuna und küsste Skyra sanft auf die Stirn. „Die Monster sind fort. Sie können dir nichts mehr tun.“
Das Mädchen war noch nicht ganz überzeugt. Ihre Augen suchten in den Schatten und Winkeln des Raumes nach den Kreaturen, die sie so lange verfolgt und gepeinigt hatten. Doch allmählich verfestigte sich die stoffliche Welt und gab ihr das Vertrauen zurück, die finsteren Gestade der Anderwelt verlassen zu haben.
„Wo ist Pappa?“, fragte Skyra und bemerkte, dass Zuna nicht gleich antwortete. Skyra war nicht dumm und wusste, wie sie dieses Zögern zu deuten hatte.
Ihre Gedanken wanderten zurück zu dem Zeitpunkt bevor sie in Ohnmacht gefallen war. Es fiel ihr schwer zu sagen, wie lange das schon zurücklag. Einen Tag? Eine Woche? Länger? Skyra erinnerte sich noch daran, wie sie den uralten Schiffsfriedhof gefunden hatten und in eines der gewaltigen Raumfahrzeuge eingedrungen waren. Die ringförmige Struktur des Schiffskörpers und den silbrigen Glanz den das Sonnenlicht darauf erzeugte. Sie sah die vielen Details des Schiffes, dessen Oberfläche wirkte, als wäre sie von Adern Sehnen durchzogen. Sie erinnerte sich, wie sie mit dem Beiboot in eine der Öffnungen geflogen waren und ausstiegen. Große Hallen, finsterer Korridore. Dunkelheit. Monster. Die Eindrücke waren noch alle da. Sie sah die Bilder vor sich, scharf und klar, als wäre es erst wenige Minuten her.
„Wir sind wieder Zuhause“, beruhigte Zuna. „Wir fliegen gerade Etho an. Dein Vater hat noch zu tun, aber er wird bald wiederkommen, mit einem Koffer voller Geschichten.“
Skyra wollte es glauben, auch wenn ihr eine innere Stimme sagte, dass es eine Lüge war. Sie beschloss Zunas Worte als die Wahrheit anzunehmen und alles andere zu ignorieren. Sie wusste dass ihr Vater einer gefährlichen Arbeit nachging. Oft war die Rede von Katastrophen gewesen, die andere Gruppen von Scavengern widerfahren waren. Von Unglücken, die einigen ihrer Freunde das Leben gekostet hatten. Doch der Mannschaft der Rikan war nie ein größeres Unglück widerfahren. Es hatte oft schlimme Situationen gegeben, doch sie waren immer davongekommen und hatten später darüber Scherze gemacht und sich Geschichten erzählt. Auch diesmal war bestimmt alles gut gegangen, redete sich Skyra ein. Sie war noch nicht bereit dazu, sich den Tatsachen zu stellen und sich vor Augen zu führen, dass mit ihnen gerade etwas Furchtbares geschehen war.
Die Türe öffnete sich und für einen Moment fiel das Licht aus dem Hauptkorridor in Skyras Kabine. In die Stille mischten sich das Zirpen und Piepsen der Apparaturen, die auf der Brücke im Einsatz waren. Stimmen waren zu hören und das monotone Hintergrundsummen der Lebenserhaltung. Ein Mann trat ins Zimmer. Er war groß und breitschultrig und hatte seine langen, schwarzen Haare zu einem kurzen Schopf zusammengebunden. Jeffrey Stane, der erste Offizier der Rikan. Der beste Freund ihres Vaters David Greyfield.
Die Türe schloss sich und erneut kehrte Ruhe ein. Stane verharrte einen Moment und musterte Skyra voller Mitgefühl.
„Sie ist auf dem Weg der Besserung“, erklärte Zuna zuversichtlich. „Sie ist eben aufgewacht und hat gesprochen.“
Stane lächelte und setzte sich zu Skyra auf die Bettkante. „Ich Habe hier etwas für dich.“ Er holte ein dünnes Halskettchen hervor, an dem ein kleiner goldener Zylinder baumelte, der mit winzigen, gravierten Schriftzeichen versehen war. „Ein Geschenk von deinem Vater. Gefällt er dir?“
Skyra nickte.
„Dein Vater will, dass du ihn bekommst, wenn du wieder gesund bist.“ Er ließ das Kettchen wieder in seiner Handfläche verschwinden. „Du versprichst ihm doch, dass du wieder gesund wirst, oder?“
„Versprochen.“ Skyra sah in die blauen Augen des Mannes, der immer freundlich zu ihr gewesen war. „Wo ist Papa jetzt?“
Er warf einen kurzen Blick zu der Oponi, die noch immer Skyras Hand hielt und ihre Augen nicht von dem Mädchen abwendete. Ihr Gesicht war ausdruckslos; in sich gekehrt, als müsste sie über vieles nachdenken.
Stane widmete sich wieder Skyra. Es fiel ihm sichtlich schwer auf ihre Frage zu antworten. „Er jagt die Ungeheuer, die dir so viel Angst gemacht haben. Jetzt macht er ihnen Angst.“
Das Mädchen lächelte, obwohl ihr das Fieber noch immer zusetzte. Der Gedanke gefiel Skyra. Ihr Vater würde nicht aufgeben die Monster zu verfolgen, bis auch das letzte von ihnen zur Strecke gebracht war. Es konnte natürlich lange dauern, bis er es geschafft hatte. Aber schließlich würde er zurückkehren und ihr sagen, dass sie sich nie wieder zu fürchten brauchte. https://goo.gl/njpc5k

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