Leseprobe! SCAVENGERS – Der Weltenfresser

 

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SCAVENGERS

Der Weltenfresser

Zeitpunkt: 11.370 pgZ

(Pangalaktische Zeitrechnung)

Nea blickte aus dem Cockpit der Nova und betrachtete den Dschungel, der wie eine abweisende, grüne Wand vor dem Bug des Schiffes aufragte. Dieser Planet war eine unbewohnte, urzeitliche Welt und fast komplett von einem riesigen, undurchdringlichen Regenwald überzogen. Als sich Nea dem Planeten näherte, konnte sie erkennen, dass es nur einen einzigen, gewaltigen Kontinent gab, dessen Teile durch unzählige Landbrücken miteinander verbunden waren. Sie überspannten einige seichte Ozeane, die wie die Scherben eines zerbrochenen Spiegels auf dem dunklen Grün glänzten. Dieser hübsche, aber namenlose Planet umkreiste einen Stern, der lediglich einen astronomischen Code statt eines Namens trug. Das Sonnensystem hatte die enorme Anzahl von vierzig Planeten, die jedoch allesamt abweisend und klar waren. Darunter gab es acht gewaltige Gasreisen, der Rest jedoch war nichts weiter als eine Ansammlung öder Felsbrocken. Dieser unbedeutende Haufen staubiger Kugeln lag in der Nachbarschaft von Bhast, eines nicht minder unbedeutenden Sternsystems, das jedoch bewohnt war und zumindest über ein Sternenportal verfügte. Durch dieses Portal, die man in Asgaroon auch als Fay bezeichnete, war Nea nach Bhast gekommen. Von dort aus musste sie dann noch über zwanzig Stunden durch den Hyperraum fliegen, um schließlich ihr eigentliches Ziel zu erreichen.

Nach den Daten, die sie von Samuel Blumfeldt erhalten hatte, befand sich das Ziel ihrer Mission auf einer Halbinsel nahe des Äquators. Eine Vermessungssonde der Zefren Company, für die Nea und Samuel Blumfeldt arbeiteten, hatte das Wrack eines alten Schiffes gefunden und die Koordinaten an die Leitstelle auf Sculpa Trax übermittelt. Nea wurde sofort auf den Weg geschickt, um sich den Fund näher anzusehen, obwohl die Spähsonde nur wenige Daten übermittelt hatte. Hätte die Sonde Ähnlichkeiten mit historisch relevanten Schiffen finden können, wäre sie näher herangeflogen und hätte weitere Informationen gesammelt. Der ausschlaggebende Grund für diese Reise bestand im Wert des Metallvolumens, das die Sonde gemessen hatte und der, nach Abzug sämtlicher Kosten, einen ansehnlichen Gewinn versprach.

Sam Blumfeldt hatte seine üblichen Scherze über die legendäre Seriamis gemacht, dem Staatsschiff des Hauses Komeru, das mitsamt der Staatskasse vor über tausend Jahren verloren ging. Alle Schatzjäger in Asgaroon, nebst Sam Blumfeldt und sämtliche Raumfahrtgesellschaften, hofften das Schiff irgendwann zu finden. Aber selbst wenn Sam und Nea dieses Mal Glück gehabt hätten, so wäre ihnen natürlich nur der Ruhm der Entdeckung geblieben. Der komplette materielle Wert würde auf den Konten der Zefco landen. Und die nicht messbare, historische Bedeutung, würde durch die Vermarktung eine gewisse Greifbarkeit erhalten und den Museen zufließen. Wie auch immer, Nea hätte gegen ein wenig Ruhm nichts einzuwenden, den sie als Entdeckerin der Seriamis würde einstreichen können.

Als sie die Halbinsel anflog, konnte Nea den Großen Schiffsrumpf erkennen. Zwar war er inzwischen von der gierigen Vegetation überwuchert worden, aber er war anhand seiner Geometrie klar auszumachen, die sich durch ihrer Regelmäßigkeit von der Umgebung abhob. Ein Blick genügte und Nea war klar, dass sie nicht die Seriamis gefunden hatte. Das Objekt, einige Kilometer unter ihr, hatte nichts gemein mit den eleganten, zeitlosen Formen der Seriamis, wie man auf alten Bildern und Videoclips sehen konnte. Was sich da im Dschungel abzeichnete, hatte die ungeschlachten, nüchternen Umrisse eines Kriegsschiffes. Die Baureihe war Nea allerdings unbekannt. Es konnte ein republikanischer Kreuzer sein oder die eigenwillige Konstruktion aus den Werften eines der unzähligen Adelshäuser Asgaroons.

Um das Wrack herum sah Nea ausladende Baumwipfel und ein kompliziertes Muster von Flüssen und Seen, welches unter dem üppigen Blätterdach glänzte wie die Silberadern in einem Bergwerk. Dort, wo das Land zum Meer hin flacher wurde, breiteten sich Wiesen aus, bis hinunter zu einem breiten Sandstrand, an den sanfte Wellen brandeten. Dort landete Nea die Nova.

Noch während Nea die Landschaft durch das Brückenfenster betrachtete und sie sich ihr langes, blondes Haar zu einem Zopf zusammenband, meldete sich Ogo zu Wort. Der hünenhafte Roboter löste sich surrend und klirrend aus der Halterung neben Neas Pilotensitz und übersandte ihr einen telepathischen Impuls. Sie empfing das Bild eines Raubtiergeheges, das sie gerade im Begriff war zu betreten, während allerlei seltsames Getier, im Unterholz und auf den Bäumen verborgen, auf sie lauerte.

„Könntest du es unterlassen“, protestierte Nea, „mir ständig Angst zu machen? Sag einfach, was du davon hältst, und verzichte auf diese dramatischen Einlagen.“

„Es ist nur eine visuelle Information“, schnarrte Ogo und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Sein Kopf stieß beinahe an die Deckenverkleidung der kleinen Brücke. „Die Angst machst du dir selber.“

„Ich bin schon vorsichtig“, antwortete Nea säuerlich. „Mach dir keine Sorgen. Ich habe die Umgebung eingehend gescannt und mögliche Gefahrenquellen erkannt.“

„Du meinst die Ansammlung von Hütten um das Schiff herum?“

„Ich bin wirklich froh, dass ich einen so fähigen Begleiter habe“, spottete Nea. „Was sollte mir also passieren, wenn du bei mir bist?“

Sie schaltete den Holoprojektor ein und isolierte die künstlichen Formen, welche die Scanner entdeckt hatten. Felsen und Vegetation verschwanden aus der Darstellung, bis neben den Konturen des großen Schiffes ein wildes Muster von kleinen Objekten sichtbar wurde. „Offenbar haben die Überlebenden eine kleine Siedlung errichtet, mit dem Schiff als Mittelpunkt“, stellte Nea fest.

„Wie ein Dorf um einen Kirchplatz.“

„Wie meinst du das?“ fragte Nea verdutzt.

„Nicht so wichtig“, beschwichtigte er. „Alte Daten. Sie sind belanglos, aber sie bereichern den Geist.“

Nea schüttelte irritiert den Kopf. „Bereichern den Geist, soso.“

„Ich konnte, außer Tieren, keine Lebensformen entdecken“, informierte Ogo sie weiter. „Was die Bewohner angeht, so kann es gut sein, dass sie unser Kommen bemerkt und sich versteckt haben. Womöglich um uns aufzulauern, sollten wir den Aufstieg zum Schiff wagen. Es gibt Berichte von alten, abergläubischen Kulturen, die zurückgefallen sind…“

„Könnte so sein“, unterbrach Nea. „Hoffen wir, dass es nicht zu einer Konfrontation kommt. Ich hab keine Lust, mein Leben aufs Spiel zu setzen, für nichts weiter als einen Haufen Semi-Legierungen und elektronischen Schrott.“

Der große Rumpf des havarierten Raumschiffes ragte aus dem Urwald heraus, wie ein bewaldeter Berg. Von hier unten, vom Rand des Waldes aus, wirkte es gewaltig und bedrohlich. Nea konnte mächtige Schlingpflanzen erkennen, die das Schiff überwucherten. Ein einzelner, riesiger Baum war durch den Schiffskörper gedrungen und breitete ein dichtes Blätterdach darüber aus. Der glatte Stamm und die gewundenen Wurzeln hatten die Metallwände verbogen und gesprengt. Für Nea sah es aus, als hätte die mächtige Pflanze das Wrack mit seinen Wurzeln erwürgt. Sie schauderte bei diesem Gedanken.

Nea überprüfte ein letztes Mal ihre Ausrüstung, zog die beiden Proguepistolen aus den Magnetholstern an ihren Oberschenkeln, um deren Energiestatus zu kontrollieren und steckte sie wieder zurück. Sie setzte ihren Helm auf und schaltete die Aufzeichnungsgeräte ein, die sich darin befanden. Ogo hatte sein TAD-Gewehr aus der Rückenklammer gelöst und hielt es in den Zangenhänden. Er legte an und betrachtete den Waldrand und einige Baumkronen durch die Zieloptik der schweren Waffe.

„Der Aufstieg wird etwa eine Stunde in Anspruch nehmen“, erklärte der Roboter. „Wir werden einem Flusslauf folgen, der hinauf zur Siedlung führt. Ich habe meine Sensoren mit denen der Nova gekoppelt. Es dürfte unmöglich sein, dass uns jemand überrumpelt.“

„Mach dich immer auf Überraschungen gefasst, wenn du es mit Menschen zu tun hast.“

„Ich habe den Eindruck, es ist dir ein Bedürfnis diesen speziellen Aspekt von Zeit zu Zeit herauszustellen“, meinte Ogo gleichmütig. „Ich versichere dir, dass ich es begriffen habe. Es ist nicht nötig, dies immer wieder zu erwähnen.“

„Das tue ich aber gerne.“ Damit versetzte Nea ihm einen freundschaftlichen Stoß. „Man kann das nicht oft genug betonen.“

Der Marsch durch den dunklen, stickigen Dschungel war mühsam. Unter dem Baldachin aus Blättern staute sich die feuchtwarme Luft. Nea rann der Schweiß in Strömen über den Körper. Ein Teppich aus Farnen, Gräsern und Ranken bedeckte den Boden und machte das Weiterkommen schwer. Immerhin war die Luft erfüllt von blumigen Aromen oder es roch würzig nach faulendem Laub und Pilzgewächsen. Das Geschrei und Gezirpe zahlloser unbekannter Lebensformen drang an Neas Ohren. Hier und da rauschte ein kleiner Bach. Eine wundervolle und einzigartige Klangkulisse. Man konnte schnell vergessen, wie gefährlich die Urwälder waren – hier und auf jedem anderen Planeten. Dennoch, nach ihrem Letzten Einsatz auf einer leblosen, kalten und steinigen Welt, war dies immerhin ein angenehmer Kontrast und entschädigte ein wenig für die Beschwerlichkeiten.

Ogo hatte gut geschätzt. Nach einer knappen Stunde erreichten sie die erste Hütte, die sich eng an einen Felsen schmiegte. Sie bestand aus Teilen des Schiffsinneren. Nea konnte Spundwände erkennen, die mit Türsegmenten verschweißt waren. Die Hütte war dicht bemoost und die Fenster starrten sie wie blinde Augen an. Farne und Büsche wuchsen aus Löchern mit rostigen Rändern. Die ganze Konstruktion machte eine erbärmlichen und verwahrlosten Eindruck, was auch auf die anderen Gebäude zutraf, die sie entdeckten. Es gab mehrstöckige Häuser, die aus Frachtcontainern zusammengesetzt waren. Nea konnte Buchstaben und Zahlen erkennen. Die Schrift war Nefa – Neufarandi, die allgemeine Sprache Asgaroons. Sie war seit gut zwanzigtausend Jahren in Gebrauch und wurde von ein paar einflussreichen Adelshäusern verwendet. Allerdings wurde sie erst vor elftausend Jahren, kurz nach dem Ende der Separationskriege, als offizielle Amtssprache in Asgaroon eingeführt. Das Schiff konnte also schon ziemlich alt sein. Womöglich lag es tatsächlich schon seit zwanzigtausend Jahren hier herum und wehrte sich tapfer gegen das Verrotten.

Während Nea und Ogo weitergingen, wurde es immer offensichtlicher, dass alle Gebäude unbewohnt waren. Die Natur hatte bereits begonnen, das Gebiet zurück zu erobern. Etliche Behausungen waren in sehr schlechtem Zustand oder bereits so verfallen, dass sie nur noch wie flache Erdhügel wirkten, die sich aus dem Waldboden erhoben.  Die Bewohner hatten die Siedlung bestimmt schon vor Jahren verlassen. Nea und Ogo hatten sich umsonst Sorgen gemacht. Hier würde sie niemand angreifen oder ihnen Schwierigkeiten bereiten. Lediglich die heimische Fauna oder Flora konnte vielleicht noch gefährlich werden, aber die machte Nea weniger Angst. Die instinktgesteuerten Spezies waren berechenbarer als die angeblich vernunftbegabten Arten. Ihre Anspannung legte sich.

Nach einer Weile erreichten sie den Teil des Areals, wo das Schiff aufgeschlagen war. Dem Boden war es nicht mehr anzusehen, dass hier hunderttausende Tonnen Metall niedergegangen waren. Offenbar war der Mannschaft eine einigermaßen sanfte Landung geglückt. Die meisten Schäden schienen von den unzähligen Pflanzen verursacht zu sein, die sich in den vergangenen Jahren des Schiffes bemächtigt hatten. Mit unbändiger Kraft hatten sich die schlangenartigen Wurzeln in Fugen und Schächte gezwängt und die Panzerplatten verbogen.

Nea pfiff anerkennend durch die Zähne. „Da kannst du mal sehen“, versetzte Nea spitz, „was das Leben so alles anstellen kann mit der toten Materie.“

„Was Lebewesen alles anrichten können, das war mir schon immer klar“, antwortete Ogo doppelsinnig. „Aber das alte Schiff kann sich ja auch nicht mehr wehren.“

Nea betrachtete die Seitenwand des Wracks. Sie sah die nutzlosen Kanonen, die seit Ewigkeiten auf einen imaginären Feind im Dunkel des Waldes zielten. Die Fensterscheiben der vielen Fenster waren matt, wie blinde Augen. Als ihr Blick weiterwanderte, sah sie, dass eine der großen Schleusen geöffnet war und geradezu einlud, das Innere des Raumers zu betreten. Eine erodierte Erdrampe führte hinauf, die einmal zu einem gepflasterten Weg gehört haben musste. Hier und da lagen dicke Quadersteine herum, die den kurzen Anstieg zu einem kleinen Wagnis machten.

„Willst du vorangehen?“, fragte sie Ogo und sah zu ihm hinauf.

Der aber antwortete nicht, sondern nickte in Richtung des Eingangs.

Eine Gestalt war aus dem breiten Rahmen des Schotts getreten und schien Nea anzusehen. Sie war über diesen Anblick irritiert. Der Mann, der vor ihnen stand, sah aus, als wäre er gerade zu einer Militärparade unterwegs. Er war mittleren Alters, trug eine tadellose, altertümliche Uniform von tiefblauer Farbe, mit goldenen Knöpfen. Die Stiefel glänzten und ein edelsteinbesetzter Dolch funkelte an einem reichverzierten Gürtel. Doch irgendetwas schien mit diesem Mann nicht zu stimmen. Da war mehr, als nur das eigentümliche Äußere, das Nea verwirrte. Ohne die Fremden zu begrüßen oder sich über ihr Auftauchen zu wundern, setzte der Uniformierte zu einer Rede an, wobei er etliche Satzteile verstümmelte oder verschluckte. „Ich bin Louis Dafoe, der Kommandant der Eithan“, sagte er. „Ich hege keine Hoffnung mehr auf Rettung. Diese Nachricht zeichne ich auf um … wenn es auch nur Verzweiflung ist, die uns … nicht zu denen, die sich ergeben.“ Die nächsten Worte waren nicht zu verstehen und im gleichen Moment lösten sich verschiedene Körperteile des Kapitäns in Luft auf, um kurz darauf wieder zu erscheinen.

„Ein Hologramm“, folgerte Nea und lachte. „Aber ein ziemlich Gutes. Scheint eine Aufzeichnung zu sein.“ Sie trat näher heran, um zu verstehen, was der Mann sagte, aber als sie einige Schritte getan hatte, wandte er sich um, trat durch die Schleuse und verschwand im Rumpf des Schiffes.

„Ich orte weiterhin keine humanoiden Lebensformen“, sagte Ogo. „Wir sind noch immer alleine, bis auf diese Projektion.“

Die beiden verloren keine Zeit und folgten dem Hologramm durch dunkle Gänge und Korridore. Der Roboter schaltete seine Scheinwerfer an, die hinter schmalen Schlitzen in seinen Schultern verborgen waren. Die hellen Lichtkegel tauchten die Umgebung in grelles Licht, das harte Schatten warf. Nea konnte feststellen, dass das Schiff innen ein besseres Bild abgab, als es von außen den Anschein hatte. Überall bohrten sich dicke Wurzeln durch Decken und Böden. Hier und da plätscherte ein kleines Rinnsal an einer Wand, um dessen Ränder sich Moos angesammelt hatte, aber alles schien frei von Korrosion und Rost. Die Kunststoffe der Wandverkleidungen wiesen nur wenige Spuren von Verfall auf und machten sogar einen gepflegten Eindruck. Es sah so aus, als hätte man peinlich genau darauf geachtet, diesen Teil des Schiffes sauber zu halten.

Nea beobachtete das Hologramm, das ihnen wie ein Wegführer vorausging und sah, dass dessen Weg zu beiden Seiten mit allerlei Gegenständen gesäumt war. Reich verzierte, irdene Schalen, gefüllt mit verfaulten Früchten und Gemüse. Hier und da Figuren aus Holz, gegossenem Metall, Stein oder Ton. Vertrocknete Blumen und Pflanzengebinde. Wer immer das getan hatte, hielt die Projektion des Kapitäns offenbar für eine überirdische Erscheinung, der man Opfergaben bringen musste.

Nea versuchte inzwischen aus dem Gestammel des Hologramms schlau zu werden. Es sprach Nefa, besaß aber einen seltsamen, nicht unangenehmen Dialekt.

„… hatten wir alle unterschätzt“, sagte es, wobei seine Worte von statischem Rauschen und Störgeräuschen überlagert wurde. „… aber es gelang uns … daher in Sicherheit … insofern sind wir nicht ohne Hoffnung …“

Es ging Treppen und Rampen hinauf und durch schmale Korridore. In einigen Räumen gurgelte und gluckerte es in diversen Schächten und Hohlräumen hinter den Wänden, wie in einer Tropfsteinhöhle nach einem Wolkenbruch. Endlich gelangten sie in einen großen Raum. Es musste die Kommandozentrale sein. Nea sah etliche Konsolen und Sessel, in denen einst die Navigatoren und Piloten des Schiffes gesessen hatten. Das Lederimitat der Sitzpolster war inzwischen spröde und rissig geworden. Gelblicher Füllschaum war in den vielen Löchern zu erkennen. Durch das breite Fenster der Brücke fiel trübes, grünes Licht. Es sickerte durch eine dichte Schicht verrottenden Laubes, die sich darauf angesammelt hatte.

Auf einem sehr großen gläsernen Display im vorderen Teil der Brücke wurden Symbole sichtbar, als der holografische Kapitän davor Aufstellung nahm. An dieser Stelle gab es eine ungeheure Ansammlung unterschiedlichster Gegenstände. Töpfe, Schüsseln und allerlei Skulpturen türmten sich auf, wie vergessene Opfergaben vor einem Altar. Der holographische Kapitän ragte inmitten dieser skurrilen Menagerie auf wie ein Geist und begann weitere Einzelheiten seiner Nachricht zu offenbaren. Jetzt erwähnte er auch Namen und Orte, was Neas Aufmerksamkeit erweckte.

„… Iona und Lilith konnten fliehen … Castor und Pollux sind sicher in der Obhut des … Falle aufgestellt.“ Dann folgten etliche Worte, die so stark verzerrt waren, dass Nea nicht schlau daraus werden konnte, so sehr sie sich auch bemühte. „… vermuten Iona auf dem dritten Planeten dieses Systems … Beiboot beschädigt … Südhalbkugel … gescheitert … Sollte Iona nicht gefunden werden, fürchte ich … aber die Hoffnung nicht verlieren“

Dann löste sich das Hologramm auf und blieb verschwunden.

„Kannst du dir einen Reim darauf machen?“, wollte Nea von Ogo wissen.

„Nicht besser als du“, schnarrte er und schwenkte den Kopf nach allen Richtungen.

„Auf dem dritten Planeten hier“, wiederholte Nea. „Eine gewisse Iona soll dort sein, die mit einem Beiboot fliehen konnte. Soviel habe ich verstanden.“

„Bevor wir dort hinfliegen“, wandte Ogo ein, der Neas Tatendrang kannte, „sollten wir uns erst noch etwas umsehen.“ Er drehte sich um und stakste durch den großen Raum. Die Scheinwerfer an seinen Schultern tasteten durch das Dunkel, bis sie ein lohnendes Ziel fanden. „Das hier sieht interessant aus.“

Ogo stampfte auf einige Objekte zu, die an der hohen Wand, im hinteren Teil des Raumes, in klobigen Halterungen ruhten. Das grelle Flutlicht ließ ihre metallenen Oberflächen glänzen und glitzern. Sie sahen aus wie die Skulpturen fremdartiger Götter, in einem Tempel. Vielgliedrig, wie riesige Insekten, hingen sie dort und starrten auf Nea und Ogo herab. Sie wirkten bedrohlich und unheimlich. Zu ihren Füssen standen etliche Opfergaben herum. Aber sie wirkten grotesk und schauderhaft. Polierte Tierschädel und kleine mumifizierte Kadaver inmitten primitiver Zeichnungen, die mit Kreide auf den Boden gemalt waren. Ein paar Knochen waren in einer getrockneten Blutlache zu einfachen Mustern zusammengefügt. An den Wänden klebten zahllose bekritzelte Papiere und Pergamente. Bittschriften, Gebete und Huldigungen, an die drei überirdischen Wesen, die hier leblos an der Wand hingen und alle Wünsche mit heiligem Ernst ignorierten.

„Was sind das für obskure Götter?“, scherzte Nea, die sich beim Anblick der Objekte ebenfalls an etwas Sakrales erinnert fühlte – an Schreine, mit den Gebeinen von Märtyrern zum Beispiel. Sie hatte Derlei in vielen Tempeln, auf unzähligen Welten gesehen. Nea war fasziniert und angewidert zugleich. „Die drei Kerle hielt man offenbar für Rachegötter“, folgerte Nea, nachdem sie ein paar Schritte zurückgetreten war und die Szene auf sich hatte wirken lassen.

„Was willst du jetzt machen?“, fragte Ogo. „Sollen wir die Ausrüstung holen und das Schiff weiter erkunden? Es ist in besserem Zustand als man es vermuten könnte.“

„Ich werde zuerst Timmy Almond benachrichtigen“, meinte sie schließlich, indem sie auf das Display auf ihrem Unterarm blickte. Zahlen erschienen, Diagramme bauten sich auf. „Das Schiff besteht aus einer Iridium-Nickel-Legierung. Und diese Dinger hier könnten für ein Museum interessant sein. Lass und wieder rausgehen. Ich brauche jetzt etwas Sonne.“

Kapitel 2

„Ich denke, die Schmelzen auf Scutra wird man nicht mit diesem Wrack beschicken“, sagte Ogo, als sie sich auf den Rückweg ins Freie machten.

Nea zuckte kurz zusammen, als er das sagte. „Wie kommst du darauf?“, fragte Nea verwirrt. „Die Prozente die ich dabei bekomme sind nicht zu verachten. Ich würde ungern darauf verzichten.“

„Ich habe die Uniform des Kapitäns zeitlich einordnen können“, erklärte Ogo. „Sie stammt aus der Zeit vor den Separationskriegen. Sie lässt auf die Zugehörigkeit mit dem Haus Dormen schließen. Aber es gibt hier und da Abweichungen im Design, weswegen ich nicht absolut sicher bin. Und nach dem Wachstum der Bäume zu urteilen, ist das Schiff vor etwa zwanzigtausend Jahren hier abgestürzt.“

„Das Schiff wirkt zu modern“, sagte Nea. „Ich hätte es niemals auf so ein Alter geschätzt. Wieso bist du dir da so sicher?“

„Ich habe eine Schallanalyse der Jahresringe jenes Baumes durchgeführt, der das Schiff durchbohrt hat. Er hat ein Mindestalter von neunzehntausend Jahren, plus minus zweihundert. Und nach der Umlaufgeschwindigkeit dieser Welt zu urteilen, entspricht hier ein Jahr annähernd einem Standartjahr nach der imperialen Zeitrechnung.“

„Das wird Timmy nicht gefallen“, sagte Nea mitfühlend. „Er wird es mit den Altertumsbehörden zu tun bekommen. Mit der Universität und dem kaiserlichen Büro. Das bedeutet immer Probleme und Unannehmlichkeiten. Ich werde ihm deine Analyse schicken und die Aufzeichnung meiner Helmkamera.“

In diesem Moment kam der holografische Kapitän um eine Ecke. Ungerührt ging er an Nea und Ogo vorüber, wobei er seinen Monolog abspulte, wie ein Schauspieler in einem leeren Theater.

Ogo verharrte und sah dem elektronischen Geist nach. „Das Gespenst von Canterville“, bemerkte er beinahe mitfühlend.

„Ich befürchte, die Archäologen werden sich über das alte Holo freuen und es eingehend studieren“, sagte Nea beiläufig und eilte einige Stufen hinunter. „Keine Ruhe für den alten Geist.“

Nea ließ sich in den Pilotensessel im Cockpit der Nova fallen und rief das Navigationshologramm auf. Die Abbildung des Planetensystems erschien.

„Timmy wird in etwa vierzig Stunden hier sein“, erklärte sie Ogo, der gerade in die Kanzel kam. „Genügend Zeit, um sich mal nach dieser Iona umzusehen, von der der Kapitän geredet hat.“

„Die Wahrscheinlichkeit sie zu finden ist mehr als gering“, gab Ogo zu bedenken. Gleichzeitig übermittelte Ogo die aufgenommenen Daten und Bilder an Timm Almond. Nach Erhalt dieser Daten, würde der sich sofort auf den Weg machen. „Wir wissen nicht, wie groß das Rettungsboot ist, dass wir suchen. Oder welche Form es hat. Und zwanzigtausend Jahre auf einem Wüstenplaneten können selbst der stärksten Legierung sehr zusetzen. Wir werden womöglich nicht einmal Trümmer finden. Und wenn das Schiff in eine Schlucht gestürzt ist…“

„Warum so pessimistisch?“, wunderte sich Nea.

„Unserer Mission galt nur diesem Schiff hier“, sagte Ogo monoton, aber beinahe glaubte Nea eine unterschwellige Angst in seinen Worten zu vernehmen. „Die Versicherung wird nicht zahlen, wenn uns bei der ungenehmigten Ausweitung des Auftrages etwas zustößt. Oder wenn unserer Ausrüstung beschädigt wird.“

„Bis die Genehmigung durch ist, dauert das“, winkte Nea ab. „Ich würde gerne jetzt wissen, ob dort noch etwas Spannendes zu finden ist. Wir haben doch einige nützliche Hinweise. Und nach den Worten des Kapitäns zu urteilen, scheint das alles Wichtig zu sein. Vielleicht ist diese Iona ja eine Königin, oder so. Warum so ängstlich? Lass uns nur mal einen kurzen Überflug wagen. Ich stelle die Sensoren auf Höchstleistung und wenn wir auf Anhieb nichts finden, fliegen wir wir wieder zurück und warten auf Timmy, versprochen.“

„Einverstanden“, knarrte Ogo.

„Was bleibt dir auch übrig?“, stichelte Nea. „Ich bin hier der Kommandant.“

Der Planet war kaum größer als der kleinste Mond von Neas Heimatplaneten, der Hafenwelt Sculpa Trax. Der Planet hier hatte sich ein paar Asteroiden eingefangen, die ihn umkreisten und einen dünnen Ring bildeten. Die winzige Welt war von schmutzig bräunlicher Färbung und die Atmosphäre schien dünn und kalt.

Nea schaltete die Augen und Ohren der Nova ein und Ogo begann alle natürlichen Emissionsquellen auszufiltern. Vor einigen Jahren hatte Nea einen speziellen Scanner in die Sensorphalanx der Nova integriert. Er stammte aus der Bergung eines imperialen Zerstörers, der auf Sculpa Trax in einen Unfall verwickelt war. Eigentlich hätte Nea ihn abgeben müssen. Bei diesem Einsatz war die Nova beschädigt worden, weil die imperiale Behörde keine Auskunft über die Explosive Ladung des Zerstörers geben wollte. Als das Militär sich weigerte, für den Schaden aufzukommen, fand Nea es nur gerecht, den Scanner solange als Pfand zu behalten, bis der Schaden ersetzt wurde. Aber wenn sie es recht bedachte, legte sie inzwischen keinen Wert mehr auf die Zahlung der Entschädigung. Das Gerät hatte sich mittlerweile als sehr nützlich erwiesen und sie wollte ihn nicht wieder hergeben, nur um dann doch noch im Gefängnis zu landen. Es dauerte nicht lange und sie fanden eine schwache Energiestrahlung, die aus einer Schlucht, im Süden des kleinen Wüstenplaneten kam.

„Was sagst du dazu?!“, freute sich Nea über ihre eigene Genialität. „Wieder einmal hat sich diese Verbesserung als nützlich erwiesen. Ich tippe auf einen Reaktor im Ruhemodus. Gibt es ein Notsignal?“

„Nein“, antwortete Ogo. „Der Breitbandsucher hat nichts finden können.“

Nea wunderte sich. „Vielleicht hatten sie keine Möglichkeit mehr es abzusetzen? Energie um ein Signal zu senden und es zu halten ist noch genügend da.“

Ogo steuerte die Nova über ein hügeliges Gelände hinweg und stoppte das Schiff über der Quelle der Emission, direkt über einer schmalen Schlucht, die wie ein Schwerthieb in der Kruste des Planeten wirkte.

In gut hundert Meter tiefe, lag der kleine Rumpf eines gedrungenen Raumschiffes auf einem Felsvorsprung. Der Bug war zertrümmert, als sei es frontal auf den Felsboden gekracht, nachdem es in den Canyon hinabgefallen war.

„Ich kann die Nova hier nicht landen“, informierte Ogo seine organische Freundin. „Die Wände sind porös und bieten keinen sicheren Halt. Ich muss mit etwas Abstand von der Felskante aufsetzen.“

„Geht klar. Ich werde einen Abstieg wagen“, erklärte Nea. „Du kannst schon mal die Seilwinde holen.“

  4 comments for “Leseprobe! SCAVENGERS – Der Weltenfresser

  1. Johne872
    9. Dezember 2016 at 12:11

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    • admin
      9. Dezember 2016 at 13:07

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      • admin
        2. Januar 2017 at 23:25

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    • admin
      2. Januar 2017 at 23:25

      Thanks

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