Textauszug aus Asgaroon Band 7

Eric musterte die junge Frau mit ein wenig Argwohn. Inzwischen hatte er viele Überraschungen erlebt, die ihn einfach misstrauisch machten. Das Auftauchen eines Besuches erforderte stets erhöhte Wachsamkeit, denn keiner dieser Gäste kam ohne Hintergedanken. Alles was man Eric und seinen Schwestern an Aufmerksamkeit angedeihen ließ, erfolgte mit einer speziellen Absicht. Auch wenn es ihm schwerfiel, diese Absichten zu erkennen und ihre Zwecke zu beschreiben, wusste er doch, dass es sie gab und lediglich dem Laioon von nutzen waren. Alles was geschah, erfolgte aus reinem Vorteilsdenken. Ein ernüchternder Gedanke. Eric kam sich wie ein Spielstein vor, den man nach Belieben mal hierhin und mal dahin schob. Und auch Nea hatte ihr Versprechen, auf die Korren Kinder aufzupassen, mehr als einmal gebrochen. Er versuchte es ihr nicht übel zu nehmen, da die Umstände auch für Nea nicht einfach sein mochten, aber er musste sich eingestehen, dass es ihm nicht ganz gelang. Seit Monaten hatten sie nichts mehr von ihr gehört und Eric war es inzwischen leid, sich immer neue Entschuldigungen auszudehnen, die er seinen Schwestern präsentieren konnte, um Nea zu verteidigen. Taya war Neas Bedienstete und in ihrem Auftrag gekommen, doch bislang hatte das Mädchen ihnen lediglich Grüße überbracht und sich nach dem Befinden Erics und seiner Schwestern erkundigt. Nea hätte genausogut eine Holobotschaft senden können, anstatt ihre Zofe auf den Weg zu schicken. Bis auf das Überbringen der Geschenke, war Tayas Auftauchen eher eine lästige Unterbrechung gewesen, denn offenbar hatte sie nichts Wichtiges zu sagen und er fragte sich, warum sie überhaupt gekommen war. Ein Höflichkeitsbesuch, ohne irgendein Motiv? Das würde seinen bisherigen Erfahrungen widersprechen. Er war gefasst auf eine weitere Wendung in den Ereignissen, die es ihm und seinen Geschwistern nicht einfacher machen würde. Er zweifelte nicht daran, dass er bald vor neuen Problemen und Unannehmlichkeiten stehen würde. Eric wagte nicht seine Vermutung auszusprechen, denn zwei Lehrerinnen waren anwesend und achteten gewiss auf jedes Wort. Auch dafür hatte Eric keine Beweise, aber es hätte ihn sehr gewundert, wenn der Laioon keine Nachrichten durch sie erhalten würde.
Taya schien sich nicht länger als nötig auf Sirkavah aufhalten zu wollen. Der kurze Besuch war augenscheinlich schon wieder zu Ende, da wendete sie sich unvermittelt an Erics Schwestern. „Wollt ihr die Kleider nicht anprobieren, die meine Herrin euch geschenkt hat?“
Salaya war es, die zuerst reagierte und sich eines der Pakete schnappte, welche die Lehrerinnen für sie Kinder entgegengenommen hatten und auf ihren Armen balancierten. Eynie hatte es nicht so eilig und legte erst ihr Stofftier beiseite, indem sie es sorgfältig auf dem Sofa platzierte und sich dann ihrem Geschenk widmete. Erics Geschenk war unverpackt gewesen und bestand aus einem kurzen Dolch, dessen Griff aus dem Zahn einer Raubechse geschnitzt war. Er hatte ihn bereits am seinem Uniformgürtel befestigt. Seine Hand lag auf dem Knauf und seine Finger spielten über das polierte Elfenbein.
Taya lächelte während die Kinder damit beschäftigt waren die Kleider auszupacken und zu begutachten. „Sie sind ebenso ein Geschenk des Königs von Phory“, erklärte sie. „Auch er lässt euch grüßen.“
Salaya und Eynie beachteten ihre Worte kaum und als die Lehrerinnen damit beschäftigt waren, den Kindern in die Kleider zu helfen, richtete Taya ihre Aufmerksamkeit wieder auf Eric. „Nea hat Angst, ihr könntet im Spukschloss auf Geisterjagd gehen“, sagte sie. „Gut erzogene Kinder treiben sich nicht in alten Gemäuern herum. Schon garnicht um Mitternacht.“
Eric stutzte einen Moment.
„Im Notfall bin ich da“, erklärte Taya weiter. „Ich lasse nicht zu, dass sie euch fressen.“
Das schien die Botschaft zu sein, die Nea überbringen wollte. Das Motiv von Tayas Besuch und sie spielte auf den alten, verfallenen Turm an, den sie bei ihrer Flucht vor den Wolkenbiestern entdeckt hatten. Eric wusste nicht was er antworten konnte, um Taya klar zu machen das er verstanden hatte. Er warf einen geflissentlichen Blick auf die zwei Aufpasserinnen, die seinen Schwestern gerade in die Kleider halfen.
„Ich fürchte mich nicht vor Geistern in irgendwelchen alten Türmen“, antwortete er. Seine Worte kamen instinktiv und schienen Taya Gewissheit zu geben, dass er verstanden hatte. „Auch nicht um Mitternacht.“
„Dann sind keine weiteren Worte mehr nötig. Ich werde Nea sagen, wie Erwachsen ihr inzwischen geworden seid. Und wie mutig.“
Eric glaubte nicht, dass die zwei Frauen den Schluss ihrer Unterhaltung mitbekommen hatten. Und selbst wenn, bezweifelte er, dass sie daraus schlau werden.
Taya ging ohne sich mit weiteren Worten zu verabschieden.
Salaya lachte und drehte sich in ihrem grünen Kleid. Die reich verzierten, goldenen Säume glitzerten. Eine kunstvolle Haarspange war Teil des Geschenkes gewesen und bändigte die blonde Mähne des Mödchens.
Eynie steckte in einer einfachen, adretten Pilotenkombination und Eric sah, wie zufrieden sie lächelte. Das kam immer noch zu selten vor doch es freute Eric. Eynie salutierte und nahm Haltung an. Ihr Bruder grüßte auf gleiche Weise zurück.
„Stehen Sie bequem Soldat“, sagte er mit gespieltem Befehlston und geriet unvermittelt ins Grübeln. Wie er es geahnt hatte, brachte Tayas Besuch eine neue Herausforderung mit sich. Fast wünschte er sich, es hätte sich nur um einen belanglosen Höflichkeitsbesuch gehandelt, wie er das zu Beginn geglaubt hatte. Aber jetzt galt es von Sirkavah zu fliehen – heute Nacht.

Die Kinder schlichen durch die leeren Korridore des Turmes. Es war Abend und die Betriebsamkeit in den zahlreichen Stockwerken legte sich allmählich. Vor ein Paar Stunden hatte ein Zeppelingleiter angelegt und Vorräte sowie neues Personal gebracht. Eric hatte die Unruhe, die seine Ankunft mit sich brachte, zuerst mit Unwohlsein beobachtet. Aber nach und nach gewann er den Eindruck, dass dieser Umstand sehr nützlich sein konnte. Die Mannschaften waren inzwischen müde und erschöpft. Die Wenigen, die noch unterwegs waren, um irgendwelche Arbeiten zu verrichten, nahmen keine Notiz von den Kindern, die an ihnen vorbeigingen.
Salaya steckte noch immer in ihrem grünen Kleid, dass sie den ganzen Tag über nicht wieder abgelegt hatte und auch Eynie schien es zu genießen, ihre neue Uniform zu tragen. Sie stolzierte neben ihrem großen Bruder, als wäre er ein General und sie eine seiner Offizierinnen. Das unentbehrliche Stofftier hatte sie in ihren Gürtel geklemmt.
„Wo gehen wir eigentlich hin?“, flüsterte Salaya, woraufhin Eynie mürrisch einen Finger an die Lippen legte.
Eric spähte in den nächsten Korridor hinein. Er führte zum Hangar hinunter, wo ein kleiner Hüpfer bereit stand, wie ihn die Hangarmannschaft nannte. Ein Gleiter, für eine kleine Crew. Ausgelegt für schnelle Flüge, zwischen den künstlichen Inseln, im endlosen Wolkenozean, der Palastwelt. Erics erstes Ziel jedoch war der Versorgungsbereich, in dem Fracht und Proviantcontainer für die vielen Schiffe bestückt wurden, die auf Sirkavah anlegten. Er hatte Salaya bislang noch nicht gesagt, was er dort vorhatte. Er wollte es nicht riskieren, die ganze Sache zu gefährden, indem er seiner Schwester Gründe gab, sich seinen Plänen zu verweigern. Sie würde früh genug Gelegenheit dazu haben, sich zu beklagen, aber dann war die Unternehmung schon zu weit gediehen, um einen Rückzieher zu machen.
Ungesehen errichten sie die Halle, in der unzählige Behälter und Container gestapelt waren, oder auf ihre Abfertigung warteten. Eine Greifkralle polterte hoch über ihren Köpfen hinweg und senkte sich in das Meer aus Frachtbehältern hinab. Es war kein Mensch anwesend. Nur Roboter versahen ihren Dienst mit stoischer Routine und staksten durch die Gassen zwischen den gestapelten Kisten.
Eric öffnete einige von ihnen, bis er Eine gefunden hatte, die ihm geeignet schien, um darin seine Geschwister zu verstauen. Bis auf die unzähligen, weißen Kügelchen des Füllmaterials, war die Kiste leer und geräumig genug, den beiden Mädchen Platz zu bieten . „Da rein!“, befahl er.
Eynie, für die das alles offenbar ein riesen Spaß war, kletterte sofort hinein und verschwand bis auf den Kopf in den weissen Kugeln.
Wie er es erwartet hatte, protestierte Salaya. „Bist du verrückt?“, zischte sie leise. „Ich geh da nicht rein.“
„Nun mach schon“, beharrte er. „Wir haben nicht ewig Zeit.“
„Wir ersticken da drin.“
Ein berechtigter Einwand, musste Eric zugeben. Das hatte er nicht bedacht. Auch Eynies Grinsen verschwand aus ihrem Gesicht. „Ich werde schnell machen“, beruhigte Eric. „Ihr braucht keine Angst zu haben.“

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